Franz Bardon: Wissen, wollen, wagen und – SCHWEIGEN!
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Diesen Artikel hat meine Mutter, Ljubica Radtke (80), geschrieben. Sie beschäftigt sich bereits seit Mitte ihrer Zwanziger intensiv mit der praktischen Hermetik. Seit 2002 arbeiten wir beide nach den Büchern von Franz Bardon und betrachten uns als Bardonistinnen.
Meine Mutter hat mehrere Bücher über Hermetik veröffentlicht und schreibt regelmäßig für unsere Zeitschrift „Welt der Spiritualität“ in der Rubrik Hermetik. Aufgrund ihrer jahrzehntelangen Erfahrung in der hermetischen Praxis empfinde ich die Erkenntnisse und Einsichten, die sie auf ihrem geistigen Weg gewonnen hat, als besonders wertvoll und bereichernd. Deshalb möchte ich in diesem Blog einige ihrer Gedanken über die Bedeutung des Schweigens in der Hermetik mit Ihnen teilen.
Wir alle verspüren hin und wieder den Drang, uns mit Gleichgesinnten über unsere Erfahrungen, Erkenntnisse und spirituellen Erlebnisse auszutauschen. Doch ist das tatsächlich immer ratsam? Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten, denn letztlich muss jeder von uns selbst entscheiden, wann es sinnvoll ist, über seine Erfahrungen zu sprechen, und wann es vielleicht besser wäre, sie für sich zu behalten.
Hier also einige Überlegungen meiner Mutter zu diesem Thema ...
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Drei Nächte hintereinander träumte ich denselben Traum.
Ich schrieb einen Artikel für die Zeitschrift „Welt der Spiritualität“. Seinen Titel sah ich jedes Mal deutlich vor mir:
„Franz Bardon: Wissen, wollen, wagen und – SCHWEIGEN“
Das letzte Wort war tatsächlich so geschrieben: in großen Buchstaben.
SCHWEIGEN.
Ich schrieb.
Gegen zwei Uhr nachts wachte ich auf, ging zur Toilette, legte mich wieder ins Bett und schlief weiter. Und im Traum setzte ich meinen Artikel genau dort fort, wo ich aufgehört hatte. Gegen fünf Uhr geschah dasselbe.
Am Morgen erinnerte ich mich an den Traum. Ich wusste, dass ich geschrieben hatte. Ich wusste sogar, dass ich viel geschrieben hatte. Aber ich erinnerte mich an keinen einzigen Satz.
Alles Geschriebene war verschwunden. Geblieben war nur der Titel. Und mit ihm ein ganz deutliches Gefühl:
Das ist wichtig!
Aber was war wichtig? Dass ich diesen Artikel schreiben sollte? Oder gerade das Gegenteil? Schließlich lautete das einzige Wort, das der Traum besonders hervorgehoben hatte: SCHWEIGEN.
Sollte ich also nicht schreiben, sondern schweigen? Oder sollte ich gerade über das Schweigen schreiben?
Drei Nächte hintereinander hatte ich im Traum offenbar kein Problem mit dieser Frage. Ich schrieb und schrieb. Erst im Wachzustand entstand dieses Dilemma. Und je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass ich zunächst eine andere Frage beantworten musste:
Was bedeutet Schweigen eigentlich für mich?
Wissen, Wollen, Wagen und Schweigen gehören zu den vier Säulen, die mir auf meinem Weg mit Franz Bardons „Der Weg zum wahren Adepten“ seit Langem vertraut sind. Aber warum hatte mein Traum nicht WISSEN großgeschrieben? Warum nicht WOLLEN oder WAGEN? Warum ausgerechnet SCHWEIGEN? Ich begann darüber nachzudenken, was Schweigen für mich bedeutete, als ich mit Bardons Übungen anfing – und was es mir heute bedeutet. Dabei merkte ich, dass zwischen diesen beiden Antworten ein langer Weg liegt. Am Anfang war Schweigen für mich vor allem eines: ein Verbot.
Ich durfte nicht darüber sprechen, was ich erlebt hatte und wodurch ich mich vielleicht „anders“ als andere fühlte. Ich sollte das, was ich wusste, für mich behalten. Und das fiel mir schwer. Warum sollte ich über all das Wundersame schweigen, das ich bei meiner Arbeit entdeckte? Warum sollte ich nicht erzählen, wenn mir eine Übung endlich gelungen war, mit der ich lange gekämpft hatte? Ich freute mich darüber. Ich war stolz darauf. Und, wenn ich ganz ehrlich bin: Ich wollte auch, dass andere davon erfahren. Ich wollte Anerkennung.
Eine meiner ersten Lektionen darin bekam ich bei der Gedankenkontrolle. Die letzte Stufe dieser Übung bestand darin, fünf Minuten in völliger Gedankenleere zu verweilen. Für mich war das sehr schwer. Immer wieder kamen Gedanken. Und irgendwann schaffte ich es tatsächlich: fünf Minuten Gedankenleere. Ich war ungeheuer stolz auf mich.
Damals machte ich meine Übungen regelmäßig am Morgen. Am Nachmittag desselben Tages kam ein Freund zu Besuch, der ebenfalls mit Franz Bardons „Der Weg zum wahren Adepten“ arbeitete. Kaum hatte ich ihn begrüßt, platzte es aus mir heraus:
„Hör mal, ich habe es geschafft, fünf Minuten lang Gedankenleere zu erreichen!“
Ich erwartete Anerkennung. Nein – eigentlich erwartete ich sie nicht. Ich war mir sicher, dass ich sie bekommen würde. Mein Freund schaute mich an.
„Ja, und? Was ist daran so großartig?“
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Ich fühlte mich wie ein Luftballon, dem plötzlich die Luft entweicht. Und mit der Luft entwich auch meine erwartete Anerkennung.
Schweigen ist Gold wert.
Heute muss ich über diese kleine Begebenheit lächeln. Damals tat ich es nicht. Aber die Lektion hatte gesessen. Ich hatte etwas geschafft, das für mich schwierig gewesen war. Ich hatte erlebt, dass ich durch Ausdauer etwas erreichen konnte, was mir vorher nicht möglich gewesen war. Eigentlich hätte das genügen können. Aber es hatte mir nicht genügt. Jemand anderes sollte mir bestätigen, dass das, was ich erreicht hatte, etwas Besonderes war. Damals wurde mir klar, dass ich lernen musste, das, was ich erreicht hatte, auch für mich behalten zu können. Meine eigene Erkenntnis, dass diese fünf Minuten für mich wichtig waren, musste genügen. Schweigen bedeutete also nicht nur, etwas nicht zu erzählen. Es bedeutete auch, aushalten zu können, dass niemand erfährt, was ich erreicht habe. Dass niemand mich dafür lobt. Dass niemand sagt: „Das hast du gut gemacht!“ Und dass das Erreichte trotzdem seinen Wert behält.
Schweigen bewahrte mich von „belehren wollen“
Aber damit war die Sache keineswegs erledigt. Denn es gibt noch über eine andere Versuchung zu reden. Eine, die viel schwerer zu erkennen ist, weil sie sich sogar hinter einer guten Absicht verstecken kann: Man möchte einem anderen Menschen helfen. Eine solche Erfahrung machte ich, als ich bereits an meinem weißen und schwarzen Seelenspiegel arbeitete. Bei dieser Übung schreibt man die eigenen guten und schlechten Eigenschaften auf und ordnet sie den entsprechenden Elementen – Feuer, Luft, Wasser und Erde – zu. Eine Freundin von mir arbeitete damals an derselben Übung. Eines Tages erzählte sie mir, wie schwer es ihr falle, ihre beiden Spiegel zu erstellen. Ich war mit meinen schon fast fertig. Also begann ich ihr zu erklären, wie sie vorgehen sollte:
„Schreibe zuerst alle guten und danach alle schlechten Eigenschaften auf. Und erst wenn du damit fertig bist, konzentriere dich darauf, jede einzelne Eigenschaft einem Element zuzuordnen und …“ Mitten im Satz hielt ich innerlich inne. Was tat ich da eigentlich?
Ich benahm mich wie eine Lehrerin, die genau wusste, wie diese Übung gemacht werden musste. Dabei wusste ich nur, wie ich sie gemacht hatte. Ich entschuldigte mich bei meiner Freundin und korrigierte mich:
„Ich habe es so gemacht. So habe ich die Anleitung im Buch verstanden. Vielleicht liest du sie noch einmal. Möglicherweise erschließt sich dir dann, wie du es machen könntest.“
Dieser kleine Unterschied – zwischen „So macht man es“ und „So habe ich es gemacht“ – wurde für mich wichtig. Meine Erfahrung gab mir nicht das Recht, aus ihr eine Vorschrift für einen anderen Menschen zu machen. Jeder geht seinen eigenen Weg. Jeder bringt andere Voraussetzungen, Erfahrungen, Überzeugungen und Schwierigkeiten mit. Was mir geholfen hatte, musste einem anderen Menschen nicht helfen. Und was ich in einer Anleitung auf eine bestimmte Weise verstanden hatte, konnte sich einem anderen vielleicht anders erschließen.
Damals nahm ich mir vor, sehr genau darauf zu achten, niemanden ungefragt belehren zu wollen. Auch das wurde für mich zu einer Form des Schweigens. Nicht nichts zu sagen.
Nicht einem Menschen Hilfe zu verweigern, wenn ich helfen konnte. Sondern zu lernen, wo meine eigene Erfahrung endet und der Weg des anderen beginnt. Vielleicht besteht verantwortungsvolles Sprechen manchmal gerade darin, nur sagen zu können: „So war es bei mir.“
Kann man eine Erfahrung zerreden?
Es gab aber noch eine andere Erfahrung mit dem Schweigen. Damals arbeitete ich an der Visualisierung. Bei dieser Übung stellt man sich einen Gegenstand so plastisch und wirklichkeitsnah vor, dass das innere Bild möglichst deutlich vor einem steht. Zunächst visualisierte ich einen Apfel. Das gelang mir gut. Danach nahm ich eine Orange. Am nächsten Tag kam mein Mann nach Hause und brachte Orangen mit. Ich war begeistert.
„Es funktioniert!“, dachte ich. Ob die Orangen tatsächlich aufgrund meiner Visualisierung in mein Leben gekommen waren, konnte ich natürlich nicht wissen. Für mich war das Erlebnis in diesem Augenblick dennoch etwas Besonderes. Ich hatte die Übung gemacht und am nächsten Tag lagen die Orangen vor mir.
Als Nächstes wählte ich etwas anderes. Ich stellte mir vor, ein bestimmtes Buch zu besitzen. Ich visualisierte es nach den Regeln der Übung und war überzeugt, dass auch diesmal etwas geschehen würde. Und dann tat ich etwas, was mir schon kurze Zeit später zu denken gab. Ich rief meine Tochter an. Überschwänglich erzählte ich ihr zunächst von der Orange. Von meiner Visualisierung, von den Orangen, die mein Mann am folgenden Tag nach Hause gebracht hatte, und von meiner Begeisterung darüber. Aber dabei blieb ich nicht. Ich erzählte ihr auch von dem Buch. Ich berichtete ihr ausführlich, was ich gerade visualisierte und was ich erwartete. Und während ich noch redete, geschah etwas Merkwürdiges: Ich spürte ganz deutlich in meinem Inneren, dass ich gerade etwas kaputtredete. Je mehr ich erzählte, desto stärker wurde dieses Gefühl. Warum kann ich nicht einfach schweigen?
Das Buch, das ich visualisiert hatte, tauchte später nicht in meiner Realität auf. Lag es daran, dass ich darüber gesprochen hatte? Ich weiß es nicht. Ich könnte es behaupten, aber beweisen könnte ich es nicht. Ebenso wenig konnte ich beweisen, dass die Orangen wegen meiner vorherigen Visualisierung zu mir gekommen waren. Aber etwas anderes wusste ich. Ich wusste, was während dieses Telefongesprächs in mir geschehen war. Noch während ich sprach, hatte ich gespürt, wie sich mein inneres Verhältnis zu der Übung veränderte. Etwas, das vorher ganz bei mir gewesen war – konzentriert, still und noch nicht abgeschlossen –, hatte ich nach außen getragen. Ich hatte darüber gesprochen, bevor überhaupt etwas geschehen war. Und hinterher empfand ich es nicht mehr als dasselbe. Vielleicht war genau das die wichtigere Erfahrung. Ich musste nicht entscheiden, ob mein Reden das Erscheinen des Buches verhindert hatte. Für mich genügte die Erkenntnis, dass es einen Unterschied machte, ob ich eine innere Arbeit still in mir weiterführte oder ob ich sie, noch bevor sie abgeschlossen war, nach außen trug.
Schweigen schützt die Erfahrung
Ich begann zu verstehen, warum Schweigen eine Erfahrung schützen kann. Nicht als Geheimniskrämerei. Nicht, weil andere Menschen nichts davon erfahren dürfen. Sondern weil manches in uns zunächst Zeit braucht, um fest zu werden. Wie ein Samenkorn, das man in die Erde legt. Man gräbt es nicht jeden Tag wieder aus, um anderen zu zeigen, wie weit es schon gewachsen ist. Man lässt es in der Erde. Man gibt ihm Zeit. Und man schweigt.
Diese Erlebnisse liegen lange zurück. Keines davon war für sich genommen besonders groß oder dramatisch. Und doch haben sie mir etwas beigebracht, das ich damals erst allmählich zu verstehen begann. Schweigen bedeutete für mich immer weniger, dass mir etwas verboten wurde. Es wurde zu einer Entscheidung.
Verantwortung übernehmen
Heute bedeutet Schweigen für mich vor allem, Verantwortung zu übernehmen – für jedes Wort, das ich ausspreche, aber manchmal auch für ein Wort, das ich nicht ausspreche.
Worte haben Macht. Sie können einem Menschen helfen, ihn ermutigen, ihm vielleicht eine Richtung zeigen. Sie können aber auch verletzen, entmutigen oder etwas in Bewegung setzen, dessen Wirkung ich vorher nicht absehen kann. Denn ich kann wissen, was ich sagen möchte. Aber ich kann niemals mit derselben Sicherheit wissen, was meine Worte in einem anderen Menschen auslösen werden. Deshalb bedeutet Schweigen für mich heute nicht, nichts zu sagen. Es bedeutet, das Sprechen abzuwägen. Warum möchte ich etwas sagen? Möchte ich helfen oder möchte ich zeigen, was ich weiß? Möchte ich eine eigene Erfahrung mitteilen oder erwarte ich dafür Anerkennung? Möchte ich jemandem eine Möglichkeit zeigen oder will ich ihm erklären, welchen Weg er gehen soll? Und ist das, worüber ich sprechen möchte, in mir selbst überhaupt schon so weit geklärt und gefestigt, dass ich es nach außen tragen sollte?
Ist Schweigen gleich Verschlossenheit?
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Schweigen und Verschlossenheit zwei verschiedene Dinge sind. Verschlossenheit bedeutet für mich, einen Panzer, um sich zu legen, um möglichst nichts von sich preiszugeben und nicht verletzbar zu sein. Schweigen braucht keinen solchen Panzer. Schweigen kann offen sein. Es kann zuhören. Es kann Anteil nehmen. Es kann auch sprechen. Aber es entscheidet bewusster, was, wann, warum und zu wem gesprochen wird.
Vielleicht besteht die Kunst des Schweigens deshalb gar nicht darin, möglichst wenig zu reden. Vielleicht besteht sie darin, unterscheiden zu lernen, wann ein Wort notwendig ist und wann es nur ausgesprochen werden möchte, weil das eigene Ego gehört werden will.
Gerade auf einem geistigen Schulungsweg halte ich diese Unterscheidung für besonders wichtig. Denn ein solcher Weg verändert etwas. Man eignet sich Wissen an. Man entwickelt Fähigkeiten. Man stärkt seinen Willen. Man überwindet Schwierigkeiten. Vielleicht macht man Erfahrungen, die man früher nicht für möglich gehalten hätte. Und mit jedem Fortschritt kann sich unbemerkt noch etwas anderes entwickeln: das Gefühl, etwas zu wissen, was andere nicht wissen. Etwas zu können, was andere nicht können. Etwas erfahren zu haben, was andere nicht erfahren haben. Ich kenne diese Versuchung. Ich habe selbst gespürt, wie leicht aus dem Wunsch zu helfen der Wunsch werden kann, zu belehren. Wie schnell man sich plötzlich als „Lehrer“ empfindet, obwohl niemand um einen Lehrer gebeten hat. Und wie unmerklich aus einem erreichten Fortschritt die Vorstellung entstehen kann, man sei deshalb weiter, besser oder wissender als ein anderer Mensch. Genau hier bekam das Schweigen für mich eine Bedeutung, die ich am Anfang meiner Arbeit mit Bardon noch nicht verstanden hatte.
Wissen, Wollen, Wagen und Schweigen.
Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger konnte ich das Schweigen noch als eine einzelne, von den anderen getrennte Säule betrachten. Wissen kann ich mir aneignen. Ich kann lesen, lernen, beobachten und prüfen. Doch Wissen allein verändert noch nichts.
Ich muss auch wollen. Der Wille bringt mich dazu, nicht beim Lesen und Verstehen stehen zu bleiben. Er lässt mich eine Übung wiederholen, auch wenn sie mir nicht gelingt. Er hilft mir weiterzumachen, wenn die anfängliche Begeisterung längst verschwunden ist und nur noch die tägliche Arbeit bleibt. Aber auch Wissen und Wollen genügen nicht. Irgendwann muss ich wagen. Für mich bedeutet Wagen nicht unbedingt etwas Spektakuläres oder Außergewöhnliches. Es bedeutet zunächst, das Gelernte tatsächlich anzuwenden. Eine Übung nicht nur zu kennen, sondern sie zu machen. Mich meinen eigenen Schwierigkeiten zu stellen.
Einen Schritt zu tun, dessen Ergebnis ich noch nicht kenne. Und dann kommt die vierte Säule:
Schweigen.
Doch eigentlich kommt sie nicht erst am Ende. Schweigen muss schon beim Wissen beginnen. Denn Wissen kann sehr schnell zu dem Gedanken führen: Ich weiß etwas, was andere nicht wissen. Schweigen muss den Willen begleiten. Denn ein gestärkter Wille kann leicht den Wunsch hervorbringen, anderen zu zeigen, wie stark man geworden ist.
Und Schweigen muss auch das Wagen begleiten. Denn gerade, wenn etwas gelungen ist, entsteht die Versuchung zu erzählen: Seht, was ich gewagt, habe. Seht, was ich erreicht habe.
Wissen, Wollen und Wagen sind deshalb für mich nicht weniger wichtig geworden. Das Schweigen schwächt sie nicht. Vielleicht ist es eher umgekehrt. Das Wissen, der gestärkte Wille und alles, was ich zu wagen gelernt habe, brauchen einen Raum, in dem sie in mir weiterwirken können. Und hier kehre ich zu meinem Samenkorn zurück. Das Wissen, der starke Wille und alle Wagnisse, eingehüllt in die Stille, die Dunkelheit und die Ruhe des Schweigens, können in einem Menschen etwas bewirken, das von außen zunächst niemand sieht. So wie bei einem Samenkorn in der Erde.
Es braucht Dunkelheit. Es braucht Stille. Es braucht Zeit. Niemand sieht, was dort geschieht.
Und doch geschieht etwas. Der Samen nimmt auf, verwandelt sich und wächst. Man gräbt ihn nicht immer wieder aus, um anderen zu zeigen, wie weit er schon gekommen ist. Man lässt ihn in Ruhe.
Auch meine Arbeit mit den Übungen hat mich auf diese Weise verändert. Vieles davon war von außen nicht sichtbar. Es geschah in mir. Wenn ich über eine Erfahrung sofort sprach, um Anerkennung zu bekommen, trug ich etwas nach außen, das vielleicht noch in mir hätte weiterwirken sollen. Wenn ich aus meinem Wissen eine Anleitung für andere machte, vergaß ich, dass mein Weg nur mein Weg war. Und wenn ich über etwas sprach, das in mir selbst noch nicht gefestigt war, nahm ich ihm möglicherweise den stillen Raum, den es noch brauchte. Schweigen bedeutete für mich deshalb immer weniger, etwas zu verheimlichen.
Es bedeutete, etwas reifen zu lassen. Und irgendwann ist der Samen stark genug, seine Hülle zu durchbrechen. Er wächst ans Licht. Er muss niemandem erzählen, was während der langen Zeit in der Erde geschehen ist. Er muss nicht beweisen, wie tief seine Wurzeln reichen oder wie viel Kraft es ihn gekostet hat, seine Hülle zu sprengen. Man erkennt sein Wachstum an dem, was aus ihm geworden ist.
So möchte ich heute auch meinen eigenen Weg betrachten. Ich muss niemandem beweisen, welche Übungen ich gemacht, welche Schwierigkeiten ich überwunden oder welche Erfahrungen ich dabei gesammelt habe. Wenn diese Arbeit tatsächlich einen Wert hatte, müsste sich dieser Wert irgendwann in mir selbst zeigen. In der Art, wie ich denke. Wie ich handle. Wie ich anderen Menschen begegne. Wie ich mit meinen eigenen Schwächen umgehe. Vielleicht auch darin, ob ich noch immer unbedingt recht haben muss. Und darin, ob ich inzwischen unterscheiden kann, wann es notwendig ist zu sprechen und wann es besser ist zu schweigen.




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